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Bielefeld: Flucht ist kein neues Phänomen

Pressemeldung vom 15. Dezember 2016, 10:53 Uhr

Während des Zweiten Weltkrieges und danach mussten Millionen Menschen in Europa ihre Heimat verlassen. Die Gründe und die Formen waren sehr unterschiedlich. Vor dem Hintergrund aktueller Flüchtlingsphänomene besuchten Lehrkräfte aus Nordrhein-Westfalen vom 29.10. bis 2.11.2016 Erinnerungsorte, die im Zusammenhang mit Gewaltmigration stehen. Zu dieser Studienfahrt hatte der Landesverband NRW des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. im Rahmen seines aktuellen Jahresthemas „Flucht und Vertreibung“ eingeladen. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer (Universität Osnabrück) beschreibt fünf Formen von Gewaltmigration: „Deportation“, „Evakuierung“, „Flucht“, „Umsiedlung“ und „Vertreibung“.*) Übergreifendes Merkmal und Ursache all dieser Formen sei eine Zwangssituation oder Zwangsmaßnahme. Einigen dieser Formen ist die Gruppe während dieser Reise begegnet. Dazu gehören die Gedenkstätte Mittelbau-Dora im Südharz und das Historisch-Technische Informationszentrum Peenemünde auf der Insel Usedom. An beiden Orten wurden während des Zweiten Weltkrieges Raketen, u.a. die so genannte „Vergeltungswaffe 2“ („V2“) produziert. Zwangsarbeiter, die von der SS aus ganz Europa deportiert worden waren, montierten unter lebensfeindlichen Bedingungen die Raketenteile. Allein im unterirdischen Industrie- und Lagerkomplex Mittelbau-Dora kamen dabei mindestens 20.000 Menschen ums Leben. Auf der Kriegsgräberstätte Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom, begegnete die Gruppe einer anderen Form der Gewaltmigration, der Flucht. Mehrere tausend Menschen sind hier bestattet. Sie waren während ihrer Flucht aus den deutschen Ostgebieten einem Bombenangriff auf den Ostseehafen Swinemünde am 12. März 1945 ums Leben gekommen. Der Friedhof ist heute ein Ort der Auseinandersetzung mit der Geschichte. In der nahe gelegenen Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte können Schülerinnen und Schüler sich mit Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen des Zweiten Weltkrieges befassen. Die Lehrergruppe nahm hier an einem Workshop teil, der normalerweise Schülerinnen und Schülern angeboten wird. Dabei rekonstruierten sie auf spielerische Weise verschiedene authentische Migrationsschicksale: u.a. das eines jüdischen Vertriebenen, das eines polnischen Vertrieben oder das eines deutschen Flüchtlings. Deren Wege führten kreuz und quer durch Europa und sogar weit darüber hinaus – nach Persien, Südafrika und Australien. Im zweiten Teil des Workshops sollten die Teilnehmer in einem Planspiel über das Schicksal von Flüchtlingen der Gegenwart entscheiden: Asyl ja – oder nein. Vor dem Hintergrund der historischen Biografien fällt den meisten die Entscheidung nicht leicht. Auch in der Stadt Swinemünde – heute Swinouscjsie – finden sich Spuren von Gewaltmigration. Seit 1945 gehört das ehemals deutsche Seebad, Fischer- und Hafenstädtchen zu Polen. Auf einem aufgelassenen Friedhof im Stadtzentrum erinnern heute Gedenksteine an die ehemalige, vertriebene deutsche Bevölkerung. An anderer Stelle begegnet die Reisegruppe einer weiteren Form von Gewaltmigration: Ein Mahnmal erinnert an die während des Zweiten Weltkrieges von der sowjetischen Besatzungsmacht deportierten Polen, eine in Deutschland wenig bekannte historische Tatsache. Bilanz der Studienreise: Teilnehmer Dr. Thorsten Menkhaus aus Gelsenkirchen lobt das Programm: „Wir haben Orte gesehen, die aus dem Bewusstsein zu verschwinden drohen. Dabei ergeben sich gerade aus diesen Erinnerungsorten wertvolle Anknüpfungspunkte für die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern an aktuellen Themen.“ Daran anschließend hebt Robert Wienzek aus Vlotho die Bildungsarbeit der Jugendbegegnungsstätte Golm hervor: „Hier werden Geschichte und Gegenwart handlungsorientiert und schülergerecht aufeinander bezogen. Damit wird Schülern klar, wie wichtig die Kenntnis der Geschichte für das Verständnis der Gegenwart ist.“ Kann man die Erscheinungsformen von Gewaltmigration des Zweiten Weltkrieges mit denen von heute vergleichen? Die Ursachen und Formen sind sicherlich jeweils ganz andere. Selbst während des Zweiten Weltkrieges waren sie höchst differenziert. Aber dort, wo es um einzelne Menschen geht, wo Schicksale von Flüchtlingen, Vertriebenen und Verschleppten greifbar werden, kann die Auseinandersetzung mit der Geschichte für Phänomene der Gegenwart sensibilisieren. 17 Lehrerinnen und Lehrer unterschiedlicher Schulformen aus Westfalen-Lippe nahmen an dieser Studienreise des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. teil. Sie kamen im Einzelnen aus Bocholt, Brakel, Detmold, Dülmen, Gelsenkirchen, Kamen, Münster, Rheine, Rietberg, Vlotho, Waltrop, und Warendorf.

Die Reise wurde gefördert von der Stiftung Gedenken und Frieden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., von der Bundesregierung mit der Pflege deutscher Kriegsgräber im Ausland beauftragt, setzt sich in seiner Bildungsarbeit für den Erhalt des Friedens und internationale Verständigung ein.

*) Jochen Oltmer: Gewaltmigration. Flucht und Vertreibung im 20. Und 21. Jahrhundert. In: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Hg.): Geflohen – vertrieben – angekommen. Aspekte der Gewaltmigration im 20. Und 21. Jahrhundert. Unterrichtsideen und Materialien. Seelze-Velber 2016

Quelle: Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe

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