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Gütersloh: Detektivarbeit im Untergrund

Pressemeldung vom 26. Juli 2011, 14:26 Uhr

Stadtarchäologe Johannes W. Glaw untersucht Knochenfunde an der Apostelkirche

Gütersloh (gpr). Vorsichtig hebt Johannes W. Glaw das zerbrechliche Fundstück aus der Erde. Es ist ein menschlicher Totenkopf. War es Mord? Keiner der Bauarbeiter am Veerhoffhaus hatte sich zuvor richtig herangewagt. Doch der Stadtarchäologe winkt ab. Nach seiner Schätzung liegt der Tote hier mindestens schon 200 Jahre vergraben – friedlich.

Ruckartig verstummten am 12. Mai die Maschinen. Arbeiter waren beim Ausheben eines Kabelschachtes an der Apostelkirche auf Knochen gestoßen. Braun, fast holzartig stachen ein Schädelfragment und ein Oberkiefer samt vier Zähnen aus der Erde heraus. Die Männer staunten nicht schlecht. Ihr erster Anruf ging jedoch nicht bei der örtlichen Polizei ein, sondern direkt bei Ulrich Paschke von der Denkmalbehörde. Den schockierte die Nachricht nicht, schließlich weiß er genau, dass sich bis zum Jahr 1828 ein Friedhof auf dem Rasen vor der Apostelkirche befand. Ein Fall also für den Archäologen Johannes Glaw.

Verpackt in Pappkartons und Tüten liegen die Knochen jetzt wohlbehalten in Glaws Arbeitszimmer. Auf den ersten Blick verraten hier zahlreiche Stücke wie Beilspitzen, Steine und weitere Exponate seine Leidenschaft für die Archäologie. Im Hauptberuf Lehrer für Kunst und Mathe am Evangelisch Stiftischen Gymnasium, studierte Glaw zeitgleich von 2001 bis 2006 Archäologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. „Es ist eine zentrale Kulturwissenschaft, die mich total fasziniert“, schwärmt der Pädagoge. Nur zu gerne verbringt er seine Freizeit als ehrenamtlicher Stadtarchäologe Güterslohs und wird oft zu Baustellen in der Innenstadt gerufen. Die Archäologie sei keine Schatzsuche, vielmehr baue sie auf Vermutungen. Auch wenn der letzte Knochenfund an der Apostelkirche schon rund 25 Jahre zurückliege, könne er bei gezielten Grabungen sicher noch jede Menge mehr Knochen unter dem Rasen finden. Das Gräberfeld reichte damals bis an die Häuserreihe am alten Kirchplatz heran, vermutet Glaw. Weil der Platz um 1828 irgendwann nicht mehr ausreichte, der neue Friedhof an der St. Pankratius Kirche allerdings erst 1831 angelegt wurde, mussten die Gütersloher ihre Toten wohl oder übel auf dem offenen, zur Kirche gehörigen Gelände begraben.

„Ein schöner aber kein ungewöhnlicher Fund“, sagt der Archäologe über die jüngsten Knochenfunde und blättert in seinem Notizbuch. Dort hat er den exakten Fundort, die Ausrichtung der Knochen und weitere wichtige Details genau dokumentiert. Neben Schädel- und Kieferknochen fand Glaw eine Rippe, Lenden- und Brustwirbel sowie handgeschmiedete Nägel und ein Stück einer Tonpfeife. „Die Knochen müssen jedoch nicht zwangsläufig zur gleichen Person gehören“, warnt er vor voreiligen Schlüssen. Einzig eine DNA-Analyse könne Gewissheit bringen, doch das sei viel zu aufwändig und kostspielig und es der Sache nicht wert. Ziemlich sicher schätzt Zahnarzt Dr. Wilfried Beckmann jedoch das Alter des Toten auf 22 bis 26 Jahre. Denn ganz deutlich zeigt sich im Gebiss ein Weißheitszahn, der gerade erst im Durchbruch ist. Auch Dr. Ulrich Schröder, Unfallchirurg am Klinikum Gütersloh, bestätigte diese Schätzung anhand der Anlage der Schädelplatten. Ob es sich hierbei jedoch um einen Mann oder eine Frau handelt, kann keiner der Mediziner ohne Gentest feststellen.

Ihre letzte Ruhestätte finden die Gebeine des Toten jetzt sorgfältig beschriftet in einer einfachen Pappschachtel im Stadtmuseum. „Es gibt in Gütersloh für solche Zwecke leider kein Beinhaus“, erklärt der Archäologe. So fügt sich ein Stück Gütersloher Geschichte zum großen Puzzelteil hinzu – und Johannes Glaw begibt sich weiter auf Spurensuche.

Quelle: Stadt Gütersloh – Zentrale Öffentlichkeitsarbeit

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