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Königswinter: TERMINE IM HAUS SCHLESIEN -APRIL

Pressemeldung vom 14. März 2017, 16:34 Uhr

Öffentliche Führung Donnerstag, 20. April um 14:30 Uhr Schlesische Dreiviertelstunde Auf fruchtbaren Boden. Über die rasche Ausbreitung der Reformation in Schlesien Die Führung ist kostenlos, Eintritt 3,- EUR, ermäßigt 1,50 EUR

Tagung Freitag, 28. bis Samstag, 29. April Zwischen Heilsgewissheit und Toleranz Fachtagung über 500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien Die Tagung gibt einen Überblick über die Auswirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert auf Gesellschaft, Politik und Kultur in Schlesien. Aber auch der Bruch von 1945, der die Glaubensmehrheiten umkehrte und die Kulturregion Schlesien damit nachhaltig veränderte, und die Bedeutung der Kirche als Beheimatung für die im Westen ankommenden Vertriebenen werden thematisiert. Eine Wanderung zur ältesten evangelischen Pfarrkirche im Bonner Raum rundet die Tagung ab. Nähere Informationen unter 02244 886 231 und kultur@hausschlesien.de.

AKTUELLES

LUTHERS ERBE

Die so oft beklagte Schnelllebigkeit mag charakteristisch sein für unser digitales Zeitalter, doch bereits Martin Luther klagte: „Alles dauert immer nur vier Wochen, danach wird etwas Neues gesucht.“ Umso denkwürdiger ist es, dass wir in diesem Jahr allerorts an ein Ereignis erinnern, das bereits 500 Jahre zurückliegt. Mit dem 31. Oktober 1517 beginnt die Geschichtsschreibung der Reformation: Martin Luther schlägt seine 95 Thesen mit kritischen Fragen an die Ablasspraxis an die Wittenberger Schlosskirche. Auch wenn es umstritten ist, ob diese Szene genau so stattgefunden hat, die Symbolkraft wirkt bis in unsere Gegenwart fort.

In der Geschichte der Erinnerungstage, die aus der europäischen Gedenkkultur nicht wegzudenken sind und heute ein globales Phänomen darstellen, spielt die Reformation eine Vorreiterrolle, denn sie war das erste „Jubiläum“ im modernen Sinn. Das 1617 gefeierte 100jährige Reformationsjubiläum avancierte zu einem Modell der Vergegenwärtigung durch Erinnerung, das im öffentlichen Raum seinen Ort fand. Die einzigen Gedenkfeiern, die es bis dahin gegeben hatte, waren Stiftungsfeiern, die seit dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts an protestantischen Universitäten begangen worden waren.

Das Reformationsjubiläum 2017 wurde am 31. Oktober 2016 von Bundespräsident Joachim Gauck feierlich eröffnet. Das ganze Jahr über werden deutschlandweit Veranstaltungen, Ausstellungen sowie weitere Informationsangebote zur Auseinandersetzung mit der Reformation und ihren religiösen, kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkung einladen. Aber welche Bedeutung haben die vor 500 Jahren einsetzenden Ereignisse der Reformation heute für unsere weitgehend säkularisierte Gesellschaft?

Das Erbe Luthers reicht weit über die Neuerungen innerhalb der Kirche des 16. Jahrhunderts hinaus. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann sieht in Martin Luther die Schlüsselfigur der Reformation; er habe mit seinen Anstößen die Entwicklung des westlichen Zivilisationstyps ermöglicht. Durch seine Übersetzung der Bibel in die Volkssprache bereitete er den Boden für eine einheitliche deutsche Schriftsprache – Basis unserer Identität. Ausgehend von der Forderung Luthers, dass jeder Zugang zu Gottes Wort haben müsse, begünstigten der direkte, nicht von Mittlern abhängige Zugang zu Informationen und das verstärkte Bedürfnis der Überprüfbarkeit von Aussagen auch eine neue Dialog- und Wissenskultur. Bürgerstolz und Bildungsgrad nahmen zu und gaben Anstoß für weitere Entwicklungen in Wissenschaft und Kunst. Des Weiteren setze Luthers Handeln der geistlichen und der weltlichen Macht Grenzen und beförderte die Idee der Eigenverantwortung des Einzelnen.

War all das auch in Luthers Sinn? Der Historiker Heinz Schilling bewertete die Prägekraft der Reformation und das Wirken des Reformators folgendermaßen: „Luther wurde wider Willen zum Geburtshelfer der pluralistischen und liberalen Moderne, nur indirekt und gegen seine Intention trug er zum Aufstieg von Toleranz, Pluralismus, Liberalismus und Wirtschaftsgesellschaft der Moderne bei.“ „Man tut also gut daran, ihn als Person nicht zu überhöhen,“ findet die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters. Aber „die Errungenschaften in Folge der Reformation sind ohne Zweifel – vielfach in säkularisierter Form – zu bürgerlichen Idealen, zu demokratischen Werten geworden.“

Im Gegensatz zu den Jubiläen der vergangenen Jahrhunderte soll in diesem Jahr das Gemeinsame und nicht das Trennende in den Vordergrund gestellt werden. „Das Jahr wird viele Anknüpfungspunkte bieten, den geistigen Wurzeln unserer Kultur nachzuspüren, und kann auch Anlass sein, den Zustand unserer Gesellschaft und die Rolle von Kultur und Kirche zu reflektieren,“ so Grütters.

Kirchfahrer, Buschprediger, betende Kinder

Zum Reformationsjubiläum 2017 zeigt HAUS SCHLESIEN die vom Schlesischen Museum zu Görlitz und der Kulturreferentin für Schlesien, Dr. Annemarie Franke, konzipierte deutsch-polnische Wanderausstellung „KIRCHFAHRER, BUSCHPREDIGER, BETENDE KINDER. 500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien“. Die Darstellung beginnt mit der Reformation und reicht bis in die heutige Zeit. Die Ausstellung wird ergänzt durch ein umfangreiches Rahmenprogramm (Nähere Information unter www.hausschlesien.de). Im April zählen hierzu die Schlesische Dreiviertelstunde am 20. April über die rasche Ausbreitung der Reformation in Schlesien sowie eine Fachtagung vom 28. bis 29. April.

Zwischen Heilsgewissheit und Toleranz Fachtagung über 500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien

Die Reformation setzte in Schlesien früh ein und breitete sich rasant aus. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts bekannte sich die Mehrheit der Bevölkerung zu den Lehren Luthers. Schlesien war 1526 an das katholische Haus Habsburg gefallen. Im Zuge der daraufhin einsetzenden Gegenreformation wurden während des und vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg die evangelischen Christen schikaniert und ihre Kirchen rekatholisiert. Unterstützt durch Schweden entwickelte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts bis zur Eroberung durch Preußen mit Friedenskirchen, Grenz- und Zufluchtskirchen, Gnadenkirchen und Bethäusern eine spezifische evangelische Kirchenlandschaft in Schlesien.

Die Verschiebung der Glaubensmehrheit durch die Vertreibung der Deutschen seit 1945 hatte einschneidende Auswirkungen für die protestantische Kirche in Schlesien. Hier stellt sich die Frage nach der Aktualität des Protestantismus und seiner Geschichte in einem heute überwiegend katholischen Land. Gerade die polnische evangelische Minderheit wurde seit den 1960er Jahren in Zusammenarbeit mit den heimatvertriebenen schlesischen Protestanten und der Evangelischen Kirche in beiden deutschen Staaten zu einem Träger der deutsch-polnischen Versöhnung.

Vom 28. bis 29. April 2017 findet die Fachtagung „Zwischen Heilsgewissheit und Toleranz“ in Kooperation mit der Kulturreferentin für Schlesien, Dr. Annemarie Franke und dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg, statt. Die Tagung gibt einen Überblick über die Auswirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert auf Gesellschaft, Politik und Kultur in Schlesien. Aber auch der Bruch 1945, der die Glaubensmehrheiten umkehrte und die Kulturregion Schlesien damit nachhaltig veränderte, und die Bedeutung der Kirche als Beheimatung für die im Westen ankommenden Vertriebenen werden thematisiert. Die Tagung ist offen für alle Interessierten. Nähere Informationen und Anmeldungen unter 02244 886 231 und kultur@hausschlesien.de.

Tagungsprogramm (Änderungen vorbehalten)

Freitag, 28. April 2017

14 Uhr Begrüßung

14:15 Uhr

Thematische Einführung

Koexistenz und Religionsfriede in Ostmitteleuropa Prof. Dr. Matthias Weber, Oldenburg

SEKTION 1: AUF FRUCHTBAREN BODEN – RASCHE AUSBREITUNG DER REFORMATION IN SCHLESIEN

15 Uhr

Der Aufbruch Schlesiens im Zeitalter von Humanismus und Reformation Prof. Dr. Norbert Conrads, Stuttgart

16 Uhr Kaffeepause

SEKTION 2: KONFESSION UND HEILSGEWISSHEIT – VON 200 JAHREN GLAUBENSKÄMPFEN UND DEM SIEG DER TOLERANZ

16:30 Uhr Reformation und katholische Reform in Niederschlesien Prof. Dr. Arno Herzig, Hamburg

17:30 Uhr Protestantischer Kirchenbau in Schlesien

Arne Franke M.A., Berlin

19 Uhr Abendessen

Samstag, 29. April 2017

SEKTION 3: HERAUS AUS DER VERGESSENHEIT – VERSCHIEBUNG DER GLAUBENSMEHRHEIT INFOLGE VON FLUCHT UND VERTREIBUNG UND VORSICHTIGE ANNÄHERUNG

9 Uhr Vorstellung des Tagungsbands „Heraus aus der Vergessenheit“

Dr. Inge Steinsträßer, Bonn

9:45 Uhr Die Entwicklung der Erbengemeinschaft des evangelischen Schlesiens seit 1990

Dr. Annemarie Franke, Görlitz

10:30 Uhr Kaffeepause

SEKTION 4: AUF DEN SPUREN DER REFORMATION IM RHEINLAND

11 Uhr Aus der Diaspora in die Ökumene. Auf den Spuren protestantischer Schlesier im Rheinland Lars Busch M.A., Lindlar

Protestanten am Fuße des Drachenfels. Evangelische Gemeinden in Königswinter und Bad Honnef Sandra Laute M.A., Königswinter

12:30 Uhr Mittagspause

13:30 bis 18 Uhr Kulturwanderung nach Oberkassel Dr. Inge Steinsträßer Die Alte Evangelische Kirche in Oberkassel, einem Ortsteil des Bonner Stadtbezirks Beuel, wurde von 1683 bis 1685 als Pfarrkirche errichtet. Das Gotteshaus ist die älteste evangelische Kirche im Bonner Raum und darüber hinaus eine der ersten evangelischen Kirchen im Rheinland, die nach dem Dreißigjährigen Krieg erbaut wurden. In Oberkassel war bereits im Jahre 1555 ein reformierter Geistlicher beheimatet. Die Wanderung vom HAUS SCHLESIEN führt (einschließlich kleinerer Pausen) in etwa 2 ½ Std. über das ehemalige Zisterzienserkloster Heisterbach zum Zielpunkt Oberkassel. Es sind zwei kleinere Steigungen und zwei moderate Abstiege zu bewältigen. Der überwiegende Teil der Strecke folgt fast eben dem früheren Rheinhöhenweg. Die Rückfahrt zum HAUS SCHLESIEN erfolgt mit vorhandenen privaten PKW bzw. dem öffentlichen Nahverkehr.

VOM UMGANG MIT ENTWURZELUNG UND HEIMATVERLUST Dreitägige deutsch-polnische Kuratorentagung im HAUS SCHLESIEN

Das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte für Millionen von Menschen in Mittel- und Osteuropa den Verlust ihrer Heimat zur Folge. Die von den Alliierten – USA, Sowjetunion und Großbritannien – auf insgesamt drei Konferenzen entworfene Nachkriegsordnung für Europa bedeutete auch für Schlesien einen fast vollständigen Bevölkerungsaustausch. Nahezu alle Deutschen wurden vertrieben und mussten sich westlich der Oder-Neiße-Linie in einer fremden Umgebung zurechtfinden und einleben. Nach Schlesien kamen Polen aus den an die Sowjetunion abgetretenen Ostgebieten, aus Zentralpolen sowie aus Südost- oder Westeuropa.

Für die Deutschen, die Schlesien verlassen mussten, wie auch für die Polen die sich dort ansiedelten, stellte dies einen folgenreichen biographischen Einschnitt dar. Die Bevölkerungsverschiebung betraf auf Schlesien bezogen also Deutsche und Polen gleichermaßen, sodass die Aufarbeitung dieses Themas in einem deutsch-polnischen Kooperationsprojekt naheliegend war. Entstanden ist daraus die zweisprachige Wanderausstellung „Zu Hause und doch fremd. Vom Umgang mit Entwurzelung und Heimatverlust am Beispiel Schlesien“, die HAUS SCHLESIEN in Zusammenarbeit mit vier polnischen Partnern zusammengestellt hat. Schon während der Vorbereitung der Ausstellungen zeigte sich, wie unterschiedlich die Erfahrungen der betroffenen Menschen, wie zahlreich die möglichen Blickwinkel und wie vielfältig die Möglichkeiten der Vermittlung bezogen auf die Themen Heimatverlust, Entwurzelung und Erinnerung sind.

Nach einer sehr erfolgreichen ersten deutsch-polnischen Arbeitstagung für Kuratoren und Historiker im Jahr 2015, bot es sich im Rahmen dieser Ausstellung an, daran anknüpfend den fruchtbaren Dialog fortzuführen.

Ende Januar fanden sich 16 Fachkollegen aus deutschen und polnischen Kultureinrichtungen im HAUS SCHLESIEN zusammen und diskutierten anhand eigener Ausstellungen und Projekte die Bedeutung des Themas, die Notwendigkeit der Aufarbeitung und die verschiedenen Formen der Vermittlung. Zu Beginn stellten Dr. Martina Pietsch aus dem Schlesischen Museum zu Görlitz, Dr. Anitta Maksymowicz aus dem Muzeum Ziemi Lubuskiej w Zielonej Górze sowie der Direktor des Muzeum Powiatowe w Nysie Edward Halajko ihre Sonderausstellungen aus dem vergangenen Jahr vor, die sich mit der Situation unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Stadt bzw. Region befassten. Der Vortrag des Historikers Lars Busch befasste sich anhand des von ihm bearbeiteten Briefkonvoluts des Schweidnitzer Pfarrers Alfred Schulz vertiefend mit den Erfahrungen der Vertriebenen in den späten 1940er Jahren. Im Anschluss referierte die Leiterin des Vogtlandmuseums in Hof Sandra Kastner über die dort seit 2012 präsentierte Dauerausstellung „Flüchtlinge und Vertriebene in Hof“, während Andrea Moll, Kuratorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung am Beispiel eines Nachlasses exemplarisch Ansätze und Konzeption der Dauerausstellung ihres Hauses präsentierte. Der Leiter des Muzeum Regionalne w Jaworze Arkadiusz Mula schloss mit seinem Vortrag, in dem er die Bedeutung deutsch-polnischer Kooperationsprojekte bei diesen wichtigen Themen betonte, den ersten Tag ab.

Am zweiten Tag standen zunächst die Themen „fremd sein“ und Integration im Kontext der Stadt- und Regionalgeschichte im Vordergrund. Ulrike Tütemann von den Museen der Stadt Lüdenscheid berichtete über das Ausstellungsprojekt „Wir hier! – Zuwanderung nach Lüdenscheid und in die Märkische Region“, das neben den Heimatvertriebenen weitere Zuwanderergruppen mit ihren Lebensgeschichten zu Wort kommen ließ. Das von Dr. Sabine Grabowski vom Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf betreute Schülerprojekt „Fremd in der Stadt“ setzt ganz ähnliche Schwerpunkte. Die folgenden drei Referenten stellten das Bewahren des kulturellen Erbes in den Mittelpunkt. Anhand der Sammlung ihres Hauses erläuterte Irena Lew, Direktorin des Muzeum Etonograficzne w Zielonej Górze z siedziba w Ochli, welche kulturellen Spuren die aus dem Osten gekommenen Polen in der Region Lebus hinterlassen haben. Patricia Erkenberg vom Haus des Deutschen Ostens in München verdeutlichte mit ihrem Bericht über die Ausstellung „Kann Spuren von Heimat enthalten“, wie sehr vor allem die Essgewohnheiten und Familienrezepte ein Heimatgefühl vermitteln. Henryk Dumin, Kurator im Muzeum Karkonoskie w Jeleniej Górze schließlich veranschaulichte, wie sich insbesondere in Niederschlesien die Einflüsse der unterschiedlichen Kulturen und Traditionen vermischen.

Abgerundet wurde die Tagung durch praktische Beispiele in Form eines Rundgangs durch die aktuelle Sonderausstellung in HAUS SCHLESIEN, einer Führung durch die Dauerausstellung im Haus der Geschichte sowie einem Besuch in der Bunzlauer Heimatstube in Siegburg. Die einzelnen Projekte wurden angeregt diskutiert, neue Ideen entwickelt und Erfahrungen ausgetauscht. Die Teilnehmer waren sich einig, dass ein solches Forum befruchtend für die eigene Arbeit ist und wichtig für das gegenseitige Verständnis. Es sollte nach dem Willen aller Teilnehmer nicht die letzte derartige Veranstaltung sein.

Die Beiträge werden in einem zweisprachigen Tagungsband zusammengefasst und sollen im Sommer diesen Jahres erscheinen. Silke Findeisen

Quelle: Stadt Königswinter

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