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Krefeld: Der Oktopus tanzt Flamenco im Deutschen Textilmuseum Krefeld

Pressemeldung vom 3. Januar 2013, 10:41 Uhr

Ausstellung zeigt aktuelle europäische Quilt-Kunst

Ein großes Auge schaut den Betrachter an. Es steckt inmitten des gewaltigen Oktopus-Kopfes. An den langen Tentakeln befinden sich nicht wenige große Saugnäpfe. Wie das Auge, so ist der gesamte Körper des wirbellosen Tieres rot, wobei das Rot in verschiedenen Facetten erscheint, mal matt, mal glänzend. Umgeben ist das Tier aus der Tiefe des Meers von Dunkelheit. Das umrahmende Schwarz unterstützt das Leuchten der roten Farbe. Doch was so eindeutig als Oktopus erscheint, entpuppt sich als ein Trugbild der Fantasie. „Viele Besucher denken zuerst, es sei ein Oktopus. Es handelt sich jedoch um den Unterkörper einer Flamenco-Tänzerin“, erklärt Dr. Annette Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld. „Blood Wedding“ (2012) heißt das textile Kunstwerk der Ungarin Ildiko Polyak. Zu sehen ist es derzeit in dem Krefelder Museum am Andreasmarkt zusammen mit weiteren 47 Exponaten in der Ausstellung „European Art Quilts VII“.

Auf den zweiten Blick eröffnet sich dem Betrachter der Blick auf die Flamenco- Tänzerin: Ein Schuh, der Saum ihres Kleides, ihr Gesäß und die geschmeidige Bewegung ihres Körpers. Das durch unterschiedliche Materialien wie Seide, Filz, Wolle und Polyester Organza changierende Rot erweckt die Tänzerin zu einem feurigen Wesen, voll Leidenschaft, wilder Bewegung und Liebe zum Tanz. Hebt der Betrachter die Distanz zum Kunstwerk auf, erfasst er die Detailarbeit Ildiko Polyaks. Die klassische Stepp-Technik eines Quilt lässt ein Relief entstehen. Durch die sauber gesetzten Stiche ist eine filigrane Struktur in Kombination mit den verschiedenen Stoffen entstanden. Hier sei wohl eine spezielle Nähmaschine zum Einsatz gekommen, vermutet die Museumsleiterin. Das schmälere die Qualität der Arbeit jedoch nicht. „Es ist kein klassisches Quiltmotiv, aber eine klassische Verarbeitung“, erklärt Schieck. Denn ein klassischer Quilt besteht aus zwei, besser drei Lagen Stoff: die Schauseite, die Zwischenlage und die Rückseite. Untypisch ist

allerdings, wie bei eigentlich allen Exponaten der Ausstellung, das Motiv für einen Quilt. In den USA, wo ihr Ursprung liegt, fertigen Frauen in Gruppenarbeit diese Decken an, dabei erzählen sie sich aus ihrem Leben. „Diese sind weniger künstlerisch, als dekorativ und erfüllen die Aufgabe, zu Wärmen“, so Schieck. Ganz bewusst setzt sich die noch junge europäische Quiltbewegung davon ab. „Hier ist es anders, die Künstler arbeiten einzeln und nicht in Gruppen“, sagt Schieck. Auch die Basis der amerikanischen Quilts, Stoffreste, findet sich nur noch als Anspielung in einzelnen europäischen Exponaten. „Manche Künstler färben, bemalen oder bedrucken die Stoffe extra für ihre Werke“, schildert die Leiterin des Deutschen Textilmuseums. Sie experimentieren auch mit Kunststoffen und anderen Materialien in ihren Quilts. Bis so ein Kunstwerk vollendet sei, vergehen Monate.

Diese europäische Eigenheit hat sich seit der Mitte der 1990er-Jahre entwickelt. Die European Art Quilt Foundation, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, lobt seitdem alle zwei Jahre einen Wettbewerb aus, dessen Sieger auch in Krefeld zu sehen waren und sind. Dabei zeigt sich von Wettbewerb zu Wettbewerb immer mehr die sich entwickelnde Loslösung vom klassischen Quilt hin zum Kunstwerk. „Es ist Kunst“, betont Schieck. Die 48 zeitgenössischen Quilts, die von Künstlern aus 15 Ländern stammen, haben sich größtenteils von den amerikanischen Vorbildern befreit. Selbst das Nähen, ein wesentlicher Bestandteil, wird bei Marjon Hoftijzer-Boer eliminiert. Ihre „Running figures I“ bestehen aus drei Lagen dünnem Vlies, die nur über ihre Befestigung miteinander verbunden sind. „Mountainhome“ von Elzbieta Anna Kuzniar besteht aus Baumwollstreifen, die zusammengeklebt wurden. Arbeiten wie „Trio“ von Olga Norris sowie Mirjam Pet-Jacobs „La nuit blance 1“ präsentieren sich wie Gemälde, die sich erst auf kurzer Distanz als Quilts erweisen. Die Krefelder Schau überrascht so mit neuen Positionen der Quilt-Kunst, deren Exponate sich längst emanzipiert haben von ihren US-amerikanischen Wurzeln. Übrigens, wer beim Rundgang wiederum an „Blood Wedding“ vorbei kommt und immer noch einen Oktopus erkennt, befindet sich in guter

Gesellschaft. „Das geht vielen Besuchern so“, versichert Schieck mit einem Lachen.

Die Ausstellung „European Art Quilts VII“ im Deutschen Textilmuseum in Krefeld, Andreasmarkt 8, ist bis 3. Februar zu sehen. Danach wird die Schau in Breda, Niederlande, und in Gent, Belgien, gezeigt. Öffentliche Führungen in Krefeld werden mittwochs und sonntags jeweils um 14.30 Uhr angeboten. Zur Ausstellung ist ein Katalog in Englisch erschienen. Weitere Informationen stehen im Internet unter www.krefeld.de/textilmuseum.

Quelle: Stadt Krefeld

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