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Krefeld: Mies-Stipendiatin Latifa Echakhch stellt im Museum Haus Esters in Krefeld aus

Pressemeldung vom 15. Juli 2011, 14:24 Uhr

Künstlerin zeigt zurzeit bei 54. Biennale in Venedig eine ihrer Installationen

Die marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch hat das 14. Mies van der Rohe
Stipendium der Kunstmuseen Krefeld 2011 erhalten. Die Auszeichnung ist mit
5000 Euro dotiert und mit einer Ausstellung im Museum Haus Esters verbunden.
Vom 15. Juli bis zum 25. September sind dort die Arbeiten der 37-Jährigen zu
sehen. Unter dem Titel „Von Schwelle zu Schwelle“ zeigt sie Installationen und
Objekte, die eigens mit dem Bezug zur Bauhaus-Villa entstanden sind. Das Mies
van der Rohe-Stipendium 2011 bildet einen Höhepunkt der Aktivitäten zum 125.
Geburtstag von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) in Krefeld.

Auf dem Parkett in Haus Esters liegen Hüte, gefüllt mit einer zähflüssig Masse, die
langsam aushärtet. Im Nebenraum türmen sich Gebilde aus Holzklötzen auf, einige
zusammengefallen und die Klötze sind im Raum verteilt. Vor einer Wand befinden
sich Backsteine, die in Brocken zerschlagen und zum Teil zu Pulver zerrieben
worden sind. Mit Fingern sind lange Streifen des roten Bachsteinpulvers über eine
weiße Wand gezogen. – Wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung steht Latifa
Echakhch mitten in ihrem kreativen Prozess. Dabei soll das Darstellen des
Prozesshaften ein Element ihrer Auseinandersetzung mit dem Mies-Gebäude sein.
Die Objekte und Installationen in den Räumen des ehemaligen Wohnhauses eines
Krefelder Industriellen sollen den Betrachtern einen eingefrorenen Moment vor
Augen führen. Es war jemand da, der diese Spuren hinterlassen hat. Das, was war
vorher, was kommt, soll zum Mitdenken, Mitvorstellen auffordern. Eine solche
Auseinadersetzung mit dem Ort ist ihr Stillleben „Phantom“: Auf einem
Nierentischchen aus den 1950er-Jahren liegt das ausgeklappte Buch „Von
Schwelle zu Schwelle“ des Autor Paul Celan. Verhüllt ist das 1955 erschiene
Druckwerk mit Gedichten von einer Stoffserviette, unter der man das Buch mehr
erahnen kann. Nur ein Bruchteil ist wirklich zu erblicken. Im selben Raum hängt
zudem ein Spiegel aus dieser Zeit, der gleichfalls mit einem weißen Tuch bedeckt

ist. – Was ist hier passiert? Sind die Bewohner des Hauses verreist? Warum liegt
das Buch noch dort? Welches Gedicht ist aufgeschlagen? – „Es ist die Abwesenheit
von Menschen, die nicht mehr da sind, aber spürbar“, sagt Dr. Sylvia Martin,
stellvertretende Leiterin der Krefelder Kunstmuseen. Das Stillleben sei ein Verweis
auf das Wohnhaus Esters und auf die Poesie.

Was die Besucher des Museums Haus Esters ab Freitag erwartet, ist bislang nur zu
erahnen. Für das Museum entwickelt Latifa Echakhch zudem aktuelle Werke, die
sie mit bereits existierenden Objekten zu einer Einheit zusammenfasst. So wird
beispielsweise die Arbeit Tour de Babel, die als „work in progress“ 2010 begonnen
hat, nun im Haus Esters fortgesetzt. „Sie arbeitet immer an dem Ort, wo sie
ausstellt. Ihre Materialen hat sie in der Stadt gefunden oder eingekauft“, erklärt
Dr. Martin. Die Materialien verändert sie nur minimal und lädt diese mit einer
neuen Bedeutung auf. So soll die erhärtete Masse in den Hüten, in der sich auch
Tinte befindet, eine Anspielung auf den Kopf des Menschen sein, wo die Poesie
entsteht.

Die 1974 in El Khansa, Marokko, geborene Künstlerin Latifa Echakhch lebt und
arbeitet heute in Martigny in der Schweiz. Die eher schüchtern wirkende und
zierliche Künstlerin hat international bereits erhebliche Beachtung und
Wertschätzung erfahren. Der Jury des Mies van der Rohe-Stipendiums wird die
einstimmige Entscheidung deshalb nicht schwer gefallen sein, da man mit Latifa
Echakhch die Avantgarde wieder in die Samt- und Seidenstadt geholt hat.
Zeitgleich können Besucher bei der 54. Biennale in Venedig ihre Installation
„Fantasia“ sehen. Die quer stehenden Fahnenstangen (flagpoles) der
marrokanischen Künstlerin säumen den Weg zum Padiglione Centrale. Darüber
hinaus war Latifa Echakhch war bereits in Einzelpräsentationen zuletzt unter
anderem im MACBA, Barcelona (2010), in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel
(2009) und in der Tate Modern, London (2008) zu sehen.

Nach der Eröffnung der Ausstellung „Von Schwelle zu Schwelle“ am Freitag, 15.
Juli, um 19 Uhr im Museum Haus Esters, Wilhelmshofallee 91-97, wird es eine
Party für die Künstlerin geben. Ein Katalog ist in Arbeit und wird in Kürze
erscheinen. Die Ausstellung geht bis zum 25. September.

Das Mies van der Rohe-Stipendium wird alle zwei Jahre vergeben. Es wurde 1979
eingerichtet, um junge vielversprechende Künstler zu unterstützen und ihnen mit
der Preisverleihung in den Krefelder Ausstellungshäusern Lange und Esters
internationale Aufmerksamkeit zu garantieren. Die Preisträger leben und arbeiten
für einige Zeit in der Atelierwohnung von Haus Esters und realisieren ein
künstlerisches Projekt für den Ort und in Auseinandersetzung mit seiner Gestalt
und Geschichte. Das Stipendium 2011 wird unterstützt von der IHK
Jubiläumsstiftung und der Bredemann-Busch-du Fallois Stiftung. Weitere
Informationen stehen im Internet unter www.kunstmuseenkrefeld.de.

Quelle: Stadt Krefeld

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