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Minden: Andere Kulturen bedeuten andere Erziehung und anderes Aufwachsen

Pressemeldung vom 28. Februar 2017, 14:48 Uhr

Mit spannenden Zahlen und Beispielen wartete Anna Dintsioudi vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung jetzt bei einer Veranstaltung im Gemeindesaal von St. Marien auf. Dazu hatte die Arbeitsgemeinschaft „Frühe Hilfen“ (Kreis Minden-Lübbecke, Städte Minden und Porta Westfalica) eingeladen. Rund 90 Teilnehmer*innen verfolgten den mehr als dreistündigen Vortrag der Expertin zum Thema „Kinderkulturen: Kulturen der Kindheit und ihre Bedeutung für Bindung, Bildung und Erziehung“. Zu den spannenden Zahlen, die Anna Dintsoudi, in den Raum warf, gehörte: Nur fünf Prozent der Weltbevölkerung erzieht seine Kinder so, wie die Deutschen, was Erstaunen hervorrief. Dazu die zentralen Fragen: „Was passiert, wenn unterschiedliche Wertesysteme aufeinandertreffen? Und: Wie kann das frühkindliche Bildungssysteme diese Herausforderung sinnvoll meistern?“, die die Fachfrau auch beantwortete.

Die Wissenschaftlerin aus Osnabrück erläuterte zunächst den Kulturbegriff an sich, kam dann auf Entwicklungen und kindliche Entwicklungspfade in unterschiedlichen Kulturen zu sprechen. Drei Exkurse entführten die Teilnehmer*innen in die Themen „Bindung“, „Erziehung“ und „frühkindliche Bildungssysteme“. Vor dem Hintergrund von Zuwanderung und Integration ist es aus Sicht der Expertin sehr wichtig, vor allem die eigene Haltung zu hinterfragen und sich mit anderen Erziehungsmodellen zu beschäftigen, berichten Bianca Kanning und Mirjam Frömrich von den „Frühen Hilfen“ der Stadt Minden. Das war dann auch die zentrale Botschaft, die die Zuhörer*innen mitnahmen. Dazu gehörten Erzieher*innen, Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Sozialarbeiter*innen an Schulen, Kinderärztinnen und -ärzte, Mitarbeiter*innen im Gesundheitsamt und in Jugendämtern, Fachberater*innen für Geflüchtete und auch Ehrenamtliche in der Flüchtlingsunterstützung.

Ein Beispiel von Anna Dintsioudi: Deutsche Eltern nehmen häufig Kontakt mit ihrem Kleinkind über ein Spielzeug auf und versuchen herauszufinden, was dem Kind Spaß macht und wo die Fähigkeiten liegen. Oft werde die zentrale Frage gestellt: „Was möchte mein Kind?“, so Kanning. Das Kind steht im Mittelpunkt und sieht sich auch so. Kinder aus Afrika dagegen wachsen in großen Familienverbünden meist ohne Spielzeug auf, sind es gewohnt, dass auch andere Menschen als die Mutter, sich um sie kümmern. Sie werden im dörflichen Umfeld häufig dazu angehalten, ruhig zu sein, weil eventuell auch Gefahr durch große Tiere drohen kann. Und die Mütter spielen mit ihren Kindern, indem sie sie schaukeln oder in die Luft werfen. Das Verhalten von Kindern aus anderen Kulturkreisen sei daher anders. „Wenn sie im Kindergarten nicht toben, ruhig dasitzen und abwarten, bis jemand kommt und ihnen etwas sagt, kann das in Deutschland schon als Desinteresse gelten“, macht Mirjam Frömrich den Unterschied deutlich. Darauf müsse man sich mehr einlassen und hinterfragen, warum das so ist.

Nicht nur die frühkindliche Erziehung und das Aufwachsen ist überall auf der Welt anders. Auch Unterricht in Schulen arabischer, afrikanischer oder asiatischer Länder sieht ganz unterschiedlich aus. „Meist wird – in sehr großen Klassen oft gar nicht anders möglich – eher frontal unterrichtet. „Die Kinder sitzen still und hören zu. Entfalten können sie sich hier nicht. Sie sollen in erster Linie auswendig lernen, was der Lehrer vorgibt“, so Bianca Kanning. Umso größer war das Entsetzen eines Vaters aus dem arabischen Raum – noch ein Beispiel von Anna Dintsioudi – als die Lehrerin beim Elternsprechtag berichtete, wie seine Tochter mit einem phantasievoll gestalteten Vortrag vor der Klasse geglänzt hatte. In Deutschland ganz normal, in anderen Ländern so nicht praktiziert und nicht gewünscht, aus der Gruppe hervorzustechen.

Individualität, Selbstbewusstsein und Kreativität steht bei der Erziehung in der Bundesrepublik ganz oben, so Kanning, die beeindruckt war von einem Experiment, von dem die Fachfrau berichtete. Kinder ohne Einwanderungsgeschichte aus Osnabrück, aus dem Landkreis Emsland, der Türkei und aus Afrika stammend sollten sich selbst als Person malen. Interessant: die Kinder aus Osnabrück malten sich im Kontext am größten, die Kinder aus dem Emsland waren auf den Bildern schon etwas kleiner, aber kleinsten malten sich die Kinder mit afrikanischen Wurzeln. „Das macht deutlich, wie sich Kinder sehen, die in einem gruppenbezogenen Verbund aufwachsen, in dem es auf Empathie, respektvollen Umgang und sensitive Fähigkeiten ankommt. Die Kinder einer deutschen, mittelgroßen Stadt sehen sich als groß und wichtig an. „Das kann bei einem Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen“, so Bianca Kanning.

Was haben die beiden Fachfrauen der Frühen Hilfen der Stadt Minden und die Teilnehmer*innen mitgenommen? „Wir sollten nicht erwarten, dass die Menschen, die aus vielen verschiedenen Ländern zu uns kommen, ihre alte Kultur vollständig ablegen und unsere Art zu leben komplett übernehmen. Wir sollten uns besser fragen: Was bringen sie mit, warum und was kann daraus Neues entstehen?“, so Mirjam Frömrich. Und: So wenig, wie es DEN typischen Deutschen gibt, gibt es auch nicht den typischen Afrikaner oder die typische syrische Familie. Beispielsweise haben Großstädter in Berlin, New York und Riad Gemeinsamkeiten wie hoher Bildungsstand oder geringe Kinderzahl, wohingegen Dorfbewohner in Vietnam, Frankreich oder Kenia eher einen niedrigeren Bildungsstand und eine größere Anzahl an Kindern verbindet. Wer in einem Dorf aufwächst, wird anders erzogen, als in einer Stadt.

Das Fazit: „Wir sollten aufhören, begrenzt in Schubladen zu denken und uns lieber auf den Menschen und seine Geschichte einlassen. Denn was für uns hier in Deutschland gilt, gilt nicht für die ganze Weltbevölkerung und macht vielleicht in anderen Kulturen auch keinen Sinn.“

Mit Spannung blickt die Arbeitsgemeinschaft „Frühe Hilfen“ schon jetzt auf den nächsten Fachtag am 30. Juni, wo die Expertin für frühkindliche Bindung, Heidi Keller, zu Gast ist.

Quelle: Stadt Minden – Pressestelle

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